Dynamite Magazin - Sei Retro-Elvis bis in den Tod

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Ich habe gerade meinen Boden aufgeräumt. Da fand ich eine alte eingestaubte Kiste. Als ich diese öffnete, fand ich dort ein Haufen Magazine. "Dynamite" Magazine. Ein deutsches Rock'n'Roll Magazin mit dem Schwerpunkt auf R'n'R, Rockabilly und Psychobilly das mitte der 1990er-Jahre startete und wegen mangelnder Verkaufzahlen 2015 seinen Verkauf einstellte. Dynamite, da war doch mal was. Ja genau. Für dieses Magazin schrieb ich bis ca. 2002 regelmäßig CD-Kritiken oder eben kleinere Artikel wie Bandvorstellungen etc. Dann hat man mich gefeuert. Warum? Nun der Grund war durchaus kurios. Irgendwann befahl der damals oberste Häuptling des Magazins "Andy W.", das alle Redakteure sich doch einmal der Leserschaft vorstellen sollten. Keine schlechte Idee. Aber das, was ich dann von den Kollegen so las, war mein Haus, meine Tolle, mein Cadillac. Reine Selbstdarstellung, Angeberei und dummes Szenegehabe. Das wollte ich nicht und suchte für die eigene "Selbstdarstellung" einen externen Betrachter und fand diesem in meinem Bruder. Nach Einreichung dieses Beitrags war für mich Schluss beim Dynamite Magazin, weil Herr Andy W. sich an der Respektlosigkeit der retro Elvis Rock'n'roll Szene empörte und offensichtlich diesbezüglich zum Lachen in den Keller geht. Hier aber nun der skandalöse Text, der zur sofortigen Suspendierung führte. Gute Unterhaltung:

"Wann Hendrik Teil einer subversiven, sozialen Randgruppe wurde, weiß ich nicht mehr. Manchmal kommt es mir vor, als sei er als Irokese zur Welt gekommen. Möglicherweise waren es auch die Spätfolgen des jahrelangen, sektenähnlichen Einflusses der hiesigen Waldorfschule.

Ich glaube es begann, als er eines Tages eine Geige nach Hause brachte und sich plötzlich weigerte meine alten Popper-Klamotten aufzutragen. Damals war ich überzeugt, er sei einfach nur eine kleine, nichtsnutzige Schwuchtel. Doch es kam schlimmer: Er war ein Billy! – und hatte ganz offensichtlich einen Dachschaden. Anders kann ich mir kaum erklären, wie jemand tausende Mark in die Vinyls von ein paar versoffenen Retro-Elvissen stecken, hunderte Kilometer weit zu primitive Sauf- und Rempelevents reisen und sich Plüschwürfel ins Auto hängen kann. Meine Hoffnung, dass der ganze Spuk spätestens nach der Pubertät verschwindet, erfüllte sich leider nicht. Musikalisch gesehen, war Hendrik die Enttäuschung meines Lebens. Irgendwann habe ich einfach aufgehört ihm Phil Collins-Karten zu Weihnachten zu schenken.

Warum schreibt er eigentlich für das Dynamite Magazine? Gute Frage! Meine Theorie: Entweder es war Mitleid oder das zunehmende Alter. Viele Menschen meinen ja irgendwann zu allem Scheiß ihren Hals aufreißen zu müssen. Verschlimmernd kommt bei ihm sein ausgeprägtes Helfer-Syndrom hinzu. Hendrik, müsst ihr Wissen, ist sozial sehr engagiert. Beispielsweise im Tierschutz. Und Schreiben fürs Dynamite? Naja, das ist ja irgendwie das Gleiche. Wie dem auch sei, 2001 gab es einen Schreibwettbewerb für verhinderte Musikkritiker. Ich kann mich erinnern ihm damals abgeraten zu haben. Ich fürchtete, er könnte von aufgebrachten Lesern gelyncht werden. Aber, er wollte nicht hören.

Auch wenn ich zutiefst davon überzeugt bin, dass ich kulturell einem Massai näher stehe als meinem Bruder, erkenne ich mitunter erschreckende Parallelen unserer Entwicklung. Wir sind wohl beide ideologisch irgendwo zwischen 80er und 90er stehen geblieben. Manchmal sitzen wir vor dem Fernseher in seiner Weddinger 1-Raum-Sozialwohnung und bedauern die Niveaulosigkeit der heutigen Jugend. Dann erzählt er mir mit tränenerstickter Stimme und vom Bier gelockerter Zunge von den Nachwuchssorgen der Billy-Gemeinde. Nicht traurig sein, es nicht die einzige Szene, denen es ähnlich geht wie den FKK-Urlaubern an der Ostsee. Irgendwann hängen halt die Möpse bis zum Petticoat und aus der Kapuze des Londsdale-Pullis quellen Tränensäcke und Doppelkinn. By the way? Was ist eigentlich aus diesen schwarzen New-Wave-Zombies geworden? Ganz so schlimm ist es bei den Billy’s ja wohl nicht. Schließlich gibt es ein paar kommerzielle Aushängeschilder, die für eine gewisse mediale Aufmerksamkeit sorgen. Mir fällt da beispielsweise spontan das Musical „Grease“, Götz Altmann oder Peter Krauss ein. Auch Jungtalente wie Dick Brave könnten für das Anwerben jüngerer Mitglieder hilfreich sein. Aus aktuellem demografischem Anlass sollte man vielleicht den Rentner- oder Ausländeranteil verstärken, allerdings müsste man denen erst einmal den Unterschied zwischen „Billy“ und „Glatze“ erklären. Das ist dann immer der Moment, bei dem Hendrik droht, mir seine Gibson über die Mütze zu ziehen und mich aus der Wohnung schmeißt. Ehrlich, einen Kompromiss haben wir nie gefunden. Vermutlich hat er sogar Recht. Wer langfristig überleben will, muss sich selbst treu bleiben. Zumindest in dieser Hinsicht: Respekt, Hendrik! Zwanzig Jahre Rockabilly – wenn das nicht konsequent ist. Und wenn du weiter so schöne Plattenkritiken schreibst, kommen neue Leser von ganz allein."

Hendrik Lorenz

*1970 in Braunschweig.
Technischer Redakteur, Offsetdrucker und professionelles Arschloch.

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