Reisebericht Krakau (Kraków) Polen 2017

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    krakauVergessen und verlassen - die Filmkulisse von Schindlers Liste

    Die zweitgrößte Stadt Polens liegt im Südosten des Landes. Mit dem Auto kann sich die Fahrt schon ganz schön ziehen. Auch mit der Bahn ist die Stadt in der Woiwodschaft Kleinpolen nicht viel schneller zu erreichen. Am bequemsten ist dann doch ein Flug. Allerdings sind die Flugverbindungen nach Krakau nicht sonderlich gefragt und die Tickets damit nicht preisgünstig. Dennoch ist es die beste Lösung für einen Kurztrip nach Krakau. Das Flugzeug war auf den Hinflug halb leer. Der Krakauer Flughafen Johannes Paul II vermittelte einen extrem modernen und übersichtlichen Eindruck. Alle 30 Minuten fährt ein Zug zum Krakauer Hauptbahnhof. Tickets gibt es am Automaten auf dem Bahnsteig oder im Zug (im Zug nur Barzahlung möglich). Der Automat akzeptiert Karten und spricht auch deutsch. Die Fahrt zum Hauptbahnhof dauert 20 Minuten und kostet 9 polnische Zloty.

    Einen internationalen  Bekanntheitsgrad erlangte die Stadt Krakau durch den mit 7 Oskars ausgezeichneten Film „Schindlers Liste“. Viele Stellen der Stadt an der Weichsel dienten als Drehort für diesen Film. Aus diesem Grund waren dann auch die ersten Stationen das heute völlig unbekannte KZ Plaszow, die alte Schindlerfabrik und Kazimierz, der ehemalige jüdische Stadtteil Krakaus indem Ghettoszenen gedreht wurden. Das ehemalige KZ Plaszow in Krakau ist heute eigentlich nicht mehr existent. Das Lager wurde auf zwei verwüsteten jüdischen Friedhöfen errichtet. Nach der Auflösung des Lagers ließen die Polen im wahrsten Sinne des Wortes Gras über die Sache wachsen. Heute sind kaum noch Spuren von dem Camp zu finden. Allenfalls ein paar Ruinen und Bunker erinnern noch an die ehemalige Funktion des riesigen Terrains. An einigen Stellen wurden Gedenksteine aufgestellt. Heute wird das Gelände zum Joggen und Gassi gehen genutzt. Die vielen Feuerstellen mit Leergut zeugen von nächtlichen Gelagen.

    Die Villa von Amon Göth, dem Schlächter von Plaszow, steht auch noch. Das Gebäude, das eher einem gutbürgerlichen Wohnhaus gleicht, befand sich außerhalb des Camps und nicht wie im Film dargestellt auf einer Anhöhe. Ob Amon Göth vom Balkon aus tatsächlich auf die Insassen geschossen hat, darf stark bezweifelt werden. Zur Rückseite des Hauses befindet sich eine Erhebung die eine Einsicht in das Lager verhindert hätte. Ob diese Anhöhe schon vor 70 Jahren dort war, entzieht sich meiner Kenntnis. Es wird angenommen, dass Amon Göth vom sogenannten „Grauen Haus“ (ehemaliges Haus der jüdischen Beerdigungsbrüderschaft, umfunktioniert als Haftraum und Folterkammer der SS) in Lagernähe geschossen hat. Das graue Haus steht heute noch unweit des vom Göth Haus am Eingang des Geländes. Das Haus des österreichischen Massenmörders wird derzeit nach stetigem Verfall aufwendig saniert. Hinter dem ehemaligen Camp befindet sich ein stillgelegter Steinbruch. Hier wurden die Lagerszenen aus dem Film gedreht. Noch heute befinden sich Überreste der Kulissen in dem Steinbruch. Ein Teil der Zäune und der Weg aus jüdischen Grabsteinen sind von den Filmbauten noch erhalten. Nach 25 Jahren hat sich die Natur alles wieder zurückerobert. Der gesamte Steinbruch ist verwildert und als Drehort eigentlich nicht mehr wieder zu erkennen.

    Vom Lager Plaszow sind es in etwa 15 Minuten zu Fuß bis zur alten Schindlerfabrik. Das Gebäude ist gut erhalten und war bis vor ein paar Jahren tatsächlich noch Produktionsstätte. Heute befindet sich in der Schindlerfabrik ein zeitgeschichtliches Museum. Die Touristen stehen bis auf die Straße Schlange. Die Innenaufnahmen im Film wurden aber nicht in diesem Gebäude gedreht. Ein paar Kilometer weiter, nach Überquerung der Weichselbrücke, der nächste legendäre Drehort: Kazimierz. Der heutige Trendbezirk war Anfang der 90er Jahre durch seine Verwahrlosung der ideale Drehort für das Schwarz-Weiß Drama. Der Filmtourismus verhalf den abgerockten Viertel zum neuen Wohlstand. Ein Rundgang durch das Viertel erinnerte an viele Szenen. Das ursprüngliche Ghetto befand im Stadtteil Podgorze, auf der anderen Seite der Weichsel. Dort erinnern nur noch Gedenktafeln und Fragmente der Ghettomauer an das Elendsviertel.

    Oskar Schindlers Haus befand sich nördlich des jüdischen Viertels Kazimierz. Heute erinnert nichts mehr an den ehemaligen Wohnort des Unternehmers. In Kazimierz wurde in den letzten Jahren viel saniert. Nur noch selten erinnern Gebäude daran, wie heruntergekommen das einstige jüdische Viertel einmal war. Mittlerweile ist in dem Viertel eine große Ansammlung von Restaurants und Bars zu finden. Menschenmassen wälzen sich durch die Straßen und Gassen. Überall kutschieren  Elektrowagen Touristen durch die Gegend. Krakau scheint aus allen Nähten zu platzen. Noch Schlimmer ist es an der Wawelburg und in der Altstadt. Letzteres habe ich aufgrund des enormen Ansturms auf einen zweiten Besuch verschoben. Trotzdem die Touristen wie Heuschrecken in die Stadt einfallen, sind die Preise stabil günstig geblieben. Ein Essen ist mit Getränken für unter 10 Euro zu haben. Das sind quasi Kantinenpreise.

    Fazit: Auch wenn ich letztendlich die Altstadt von Krakau ausfallen lassen musste, hat sich der kurze Besuch in Krakau gelohnt. Mit dem Geschichtsprogramm und Kazimirz war der Tag auch komplett ausgefüllt. Es war super spannend die Orte der Geschehnisse aufzusuchen und Drehorte wieder zu erkennen. Bei über 30 Grad war der ganztägige Fußmarsch teilweise aber eine echte Tortur. Versäumtes wird in einer Zeit nachgeholt in der die Stadt nicht so stark mit Touristen überlaufen ist (Winter).

    Hendrik Lorenz

    *1970 in Braunschweig.
    Technischer Redakteur, Offsetdrucker und professionelles Arschloch.

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    Kommentare

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      Wenn die Städte Serbiens noch ein wenig trist und Post-Kommunistisch anmuten, so ändert sich das sofort, nachdem die Stadtgrenze erreicht ist und die Provinz begint. Eine komplett unberührte, unerschlossene und faszinierende Natur.

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      Touristenfrei, ich bin dabei. Weit weg vom du-ich-ficki Trubel an der Küste ist ein schöner See zu finden. Mitten in der Pampa tummeln sich Marabu, Pelikane, Ibisse und natürlich Flusspferde.

    • Kurische Nehrung

      Die fast 100 Kilometer lange Halbinsel teilen sich Russland und Litauen. Vieles erinnert an eine Nordseeinsel und vieles erinnert auch an die deutsche Vergangenheit dieses Ostsee Archipel.

    • Shimba Hills

      Nicht zu vergleichen mit einen der vielen Nationalparks, das Naturschutzgebiet Schimba Hills hat aber trotzdem viel zu bieten.

    • Der Invalidenfriedhof

      Der Invalidenfriedhof in Berlin befindet sich mitten in der Stadt am Mauerweg. Beim Durchqueren wissen die meisten gar nicht, das sie am Grab eines der größten Kriegsverbrecher vorbeilaufen.

    • Brooklyn Brewery

      Eine der 4000 aktiven Brauereien in den USA ist die Brooklyn Brewery in Williamsburg. Das Unternehmen bietet eine gute Brauereiführung an, die aber ein wenig zu sehr auf die Kohle der Besucher abzielt.

      Kuba

      Karibischer Kommunismus.

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      Dominikanische Republik

      Der karibische Traum.

      Die Dominikanische Republik hat nicht den besten Ruf, gilt sie doch eher als Part- und ficki-ficki Hochburg betagter älterer weißer Herren. Doch die Halbinsel Samana wird diesen Ruf nicht gerecht.

      Russland

      Der letzte Abenteuerurlaub.

      Russland ist für viele auch heute noch keine Reise wert. Ich wagte den Schritt und tauchte ein in eine wunderbare Welt mit super Menschen.

      Städtereisen

      • New York City

        Mit dem Glück des Glücklichen noch schnell mit einen Direktflug von Berlin nach New York City - Kurz danach war AirBerlin pleite. Die Stadt, die einen an jeder Ecke an einem Film erinnert. Es lohnt sich.

      • Riga/Kuldiga

        Der baltische Staat ist heute schon lange kein Geheimtipp mehr. Allerdings ist Tourismus ausschließlich auf Riga konzentriert. Interessant wird es aber erst außerhalb der Metropolen Lettlands.

      • Prag

        Seit 30 Jahren erlebt die Stadt Prag jetzt einen ungebrochenen Touristenansturm aus aller Welt. Wird die richtige Jahreszeit gewählt, lässt sich die Stadt aber sehr entspannt erkunden.

      • Bukarest

        Die siebtgrößte Stadt der Europäischen Union ist Bukarest. Die Stadt im südlichen Rumänien besticht durch seine postkommunistische Architektur und seinen noch günstigen Lebenskosten.

      • Niš

        Im südlichen Serbien, quasi zwischen Sofia und dem Kosovo, liegt die Stadt Niš. Trotzdem die meisten noch nie etwas von dieser Stadt gehört haben, hat sie besonders im Umfeld sehr viel zu bieten.

      • Krakau

        Eine der interessantesten Städte Polens ist Krakau. Tief im Osten hat die Stadt sehr viel Geschichte zu bieten. Auf den Spuren von Oskar Schindler.