
Mit Tauchlehrer Beat Bracher auf der 12-m-R Yacht „Gretel“ 1997
Jetzt mussten Reisebüros abgeklappert, Informationen bei der australischen Botschaft eingeholt und unzählige Prospekte gewälzt werden. Schnell wurde klar: Dieses Abenteuer würde teuer werden. Über ein Bremer Reisebüro fand sich schließlich ein für damalige Verhältnisse günstiger Hin- und Rückflug für 1.450 DM. Der Preis hatte allerdings seinen Grund, denn die Reiseroute war ausgesprochen abenteuerlich:
- Bremen – London Gatwick
- Transfer mit dem Bus nach London Heathrow
- London Heathrow – Bangkok
- Bangkok – Sydney
- Sydney – Brisbane
- Brisbane – Proserpine
Nun gut – günstig sollte es sein, denn große finanzielle Reserven waren nicht vorhanden. Auch das Touristenvisum musste noch bei der australischen Botschaft in Berlin beantragt werden. Das bedeutete, den Reisepass per Post einzuschicken und auf seine Rücksendung zu warten. Heute lässt sich dieser Vorgang nach meinem Kenntnisstand weitgehend elektronisch erledigen. Ein mulmiges Gefühl blieb dennoch. Ob bei dieser Reiseroute tatsächlich jeder Anschlussflug erreicht werden würde, ließ sich nur hoffen. Eine Alternative gab es jedoch nicht – das Budget ließ schlicht nichts anderes zu.
Das Abenteuer begann am 15. Mai 1997 am Flughafen Bremen. Schon der erste Zwischenstopp in London verlief nicht ganz reibungslos. In Gatwick hatte der Zubringerbus nach Heathrow Verspätung, und die Fahrt quer durch London dauerte fast eine Stunde. Dort wartete bereits das nächste Herausforderung: Zunächst wurde das falsche Terminal anvisiert, sodass noch einmal ein Terminalwechsel notwendig wurde. Viel Zeit ging dabei verloren, doch der Anschlussflug nach Bangkok konnte gerade noch erreicht werden. Zum ersten Mal an Bord einer Boeing 747. Das Flugzeug wirkte riesig, überraschend geräumig und leiser als erwartet. Für die rund 9.500 Kilometer bis Bangkok benötigte die Maschine knapp zwölf Stunden. In Bangkok mussten alle Passagiere das Flugzeug verlassen. Während eines mehrstündigen Aufenthalts im Transitbereich wurde die Maschine betankt, gereinigt und für den Weiterflug vorbereitet. Anschließend begann das Boarding erneut. Die nächste Etappe führte über rund 7.500 Kilometer nach Sydney und dauerte weitere neuneinhalb Stunden. Dort konnte der Platz im Flugzeug ausnahmsweise beibehalten werden.
Nach einem kurzen Aufenthalt setzte sich sie Reise mit derselben Maschine in Richtung Brisbane weiter. Das Flugzeug war inzwischen auffallend leer geworden. Langsam zeigte allerdings auch die Bordverpflegung ihre Schattenseiten – nach so vielen Mahlzeiten in großer Höhe war der Appetit endgültig verschwunden. Von Sydney nach Brisbane vergingen noch einmal zweieinhalb Stunden für die rund 1.600 Kilometer lange Strecke. In Brisbane stand am Ende ein weiterer Umstieg an. Das Gepäck wurde automatisch bis zum Ziel durchgeleitet. Trotzdem blieb bei der Vielzahl an Zwischenstopps die Sorge, ob die Koffer tatsächlich gemeinsam mit ihrem Besitzer in Proserpine ankommen würden. Vor dem Weiterflug erfolgte in Brisbane die Passkontrolle. Kaum in der Schlange angekommen, wurde ein Beamter aufmerksam und winkte zur Seite. Es folgte eine ausführliche Befragung, bei der vor allem die Absichten für den Aufenthalt in Australien im Mittelpunkt standen. Offenbar überzeugten die Antworten, denn wenig später war die Einreise genehmigt. Rückblickend wirken diese Kontrollen fast harmlos – verglichen mit den deutlich strengeren Sicherheitsmaßnahmen, die heute üblich sind. Mit einem kleinen, engen vierstrahligen Flugzeug führte der Flug weiter in Richtung Norden des Kontinents. Die Maschine klapperte, war laut und flog vergleichsweise niedrig. Dafür bot sich zum ersten Mal ein beeindruckender Blick auf die Landschaft Australiens.
Die letzte Etappe von Brisbane nach Proserpine umfasste nur noch rund 900 Kilometer und war nach etwa einer Stunde geschafft. Die Landung erfolgte auf einer holprigen Piste zwischen Palmen. Ein Golfwagen mit Anhänger fuhr direkt unter das Flugzeug. Die Ladeluke öffnete sich, und das aufgegebene Gepäck aller Passagiere landete einfach auf der Ladefläche. Anschließend suchte jeder selbst nach seinem Koffer oder seiner Tasche. Unkonventionell, aber effizient. Mit großer Erleichterung war die kleine blaue in Bremen aufgegebene Sporttasche auch dabei. Noch besser: Kerstin wartete bereits am Flughafen. Perfekt gelaufen. Das alles ohne Mobiltelefon und Internet. Mit dem Auto führte der Weg weiter vom Flughafen Proserpine nach Airlie Beach, wo zunächst eine Unterkunft in einer Wohngemeinschaft wartete. Ungewohnt war vor allem die neue Perspektive als Beifahrer: Auf der „falschen“ Seite des Fahrzeugs sitzend, während der Linksverkehr das vertraute Bild komplett auf den Kopf stellte. Da es in Airlie Beach noch früh am Abend war, führte der erste Weg in eine der zahlreichen Kneipen. Dort zeigte sich schnell das hohe Preisniveau des Landes. Sparsamkeit war angesagt, denn die vier Wochen sollten möglichst ohne finanzielles Minus überstanden werden.
Die ersten beiden Tage verliefen trotz der langen Reise und der Zeitverschiebung vergleichsweise normal. Dann schlug der Jetlag mit voller Wucht zu. Nach Erzählungen von Kerstin Boike versagte mein Körper eines Abends offenbar einfach seinen Dienst: Wortlos verwand ich aus dem Wohnzimmer ins Schlafzimmer, wo innerhalb weniger Sekunden nichts mehr ging. Die körperliche Anpassung an die neue Zeitzone dauerte zwei Tage. Doch schon bald änderte sich die Wohnsituation. Die Wohngemeinschaft löste sich auf und eine neue Unterkunft musste gefunden werden. Für die kommenden Wochen wurde dann ein günstiges Backpacker-Hotel zum neuen Zuhause. Zum Vorteil waren die Schlafsäle in dieser Absteige nur spärlich belegt, wodurch der Aufenthalt in dieser einigermaßen erträglich blieb. Um die Umgebung nicht nur vom Festland aus zu erleben, wurde eine zweitägige Bootstour durch die Whitsundays gebucht.
Mit an Bord waren Österreicher und Dänen, sodass die Verständigung überraschend unkompliziert verlief. Mehrere Inseln wurden angesteuert, darunter auch Hamilton Island. Die schöne Landschaft, die vielfältige Tierwelt und die tropische Atmosphäre hinterließen bleibende Eindrücke. Besonders unvergessen blieben die zahlreichen Papageien, die sich einfach mit ausgestreckter Hand anlocken ließen. Nach dieser Tour fiel die Entscheidung, einen Tauchkurs zu absolvieren.
Die Anmeldung erfolgte bei den Island Divers in Airlie Beach. Die ersten Übungen fanden in einem unglaublich kalten Schwimmbecken statt. Am Ende der Trainingseinheiten gehörten blaue Lippen bei nahezu allen Teilnehmern schon fast zur Normalität. Nicht wesentlich angenehmer waren die ersten Freiwassertauchgänge am Langford Reef vor Hayman Island. Im Mai waren die Sichtverhältnisse ausgesprochen schlecht und auch die Wassertemperaturen wenig einladend. Große Begeisterung kam während der Ausbildung deshalb zunächst nicht auf. Immerhin konnte am Ende der Tauchkurs erfolgreich abgeschlossen werden. Erst später wurde klar, dass ein wesentlicher Teil des Problems in der Ausrüstung lag. Der verwendete Neoprenanzug, ein 3-Millimeter-Shorty, war für diese Bedingungen schlicht ungeeignet und eher für Surfer oder besonders kälteunempfindliche Menschen gedacht. Die Konsequenz der mangelhaften Ausrüstung war eine heftige Nebenhöhlenentzündung, die drei Tage lang das Urlaubsvergnügen erheblich einschränkte. Die Tauchgänge selbst fanden übrigens auf der „Gretel“ statt – einem Boot mit einer besonderen Geschichte aus der Welt des America’s Cup. Ein ungewöhnliches Boot für Tauchausflüge.
Nach der Genesung stand noch ein Besuch bei der legendären Bredl’s Wild Farm auf dem Programm. Tiere hautnah erleben, Krokodilshows und eine außergewöhnliche Nähe zur australischen Tierwelt machten den Ausflug zu einem besonderen Erlebnis. Die Farm war damals wie heute immer wieder in den Medien präsent und absolut sehenswert.
3 Wochen an der Küste reichten. Die Zeit in Queensland war vorbei. Die Rückreise wurde früher als ursprünglich geplant angetreten. Glücklicherweise war die Umbuchung des Fluges kostenlos und bot gleichzeitig die Gelegenheit, noch Brisbane, die drittgrößte Stadt Australiens, kennenzulernen. Auch dort führte der Weg zunächst in ein einfaches Backpacker-Hotel, das immerhin einen Flughafenshuttle anbot. Brisbane selbst hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. Eine moderne, saubere und sichere Stadt, die allerdings wenig aufregendes Nachtleben bot. Ab 22 Uhr schien es, als würden die Bürgersteige hochgeklappt. Die meisten Geschäfte und Lokale hatten geschlossen. Ein wenig Shopping, ein Kinobesuch und einige Erkundungen der Stadt – viel mehr blieb nicht. Brisbane war zweifellos angenehm und gepflegt, wirkte aber gleichzeitig ungewohnt ruhig und beinahe langweilig.
Dann stand die Rückreise nach Europa bevor. Auch bei der Ausreise wurde der australische Zoll noch einmal aufmerksam und führte eine zusätzliche Kontrolle durch. Der freundliche Beamte fand jedoch nichts Auffälliges und zeigte stattdessen großes Interesse an den zahlreichen Souvenirs der Castlemaine XXXX Brauerei. Offenbar war auch er ein Fan dieser Marke. Am Ende der Reise wartete dann doch noch eine kleine Überraschung: In Bremen war das aufgegebene Gepäck verschwunden. Die Tasche tauchte drei Tage später wieder auf und wurde direkt an die Wohnadresse geliefert. Vollständig und unversehrt. Damit endete ein außergewöhnliches Abenteuer, das ohne die heutige Technik und mit vergleichsweise wenig Planung seinen Anfang genommen hatte.
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