Groß Gleidingen in den 1980er Jahren - Erwarte nichts und bekomme genau das

0.0 of 5 (0 Votes)



Groß Gleidingen bei Braunschweig im Landkreis Peine

 Es gibt Orte, die haben alles. Und dann gibt es Groß Gleidingen. Ein kleines Dorf das 1974 aus dem Landkreis Braunschweig ausgegliedert wurde und fortan zum Landkreis Peine gehörte. Wahrscheinlich nicht ohne Grund. Nach Braunschweig waren es nun 1 Kilometer, nach Peine 20 Kilometer. Ein Dorf, das in den 1980er Jahren so konsequent unaufgeregt war, dass selbst die Langeweile irgendwann sagte "Ich muss hier weg und das ganz schnell". Hier passierte nichts. Und das nicht zufällig. Das hatte System. Groß Gleidingen lag und liegt auch heute noch dabei idyllisch eingebettet zwischen endlosen Zuckerrüben- und Kartoffeläckern. Also wirklich endlos. So endlos, dass sich viele manchmal fragten, ob hinter dem nächsten Feld vielleicht doch noch etwas Spannendes kommt.

Der Tag begann stets mit dem Geräusch von "nichts". Vielleicht ein Traktor in der Ferne. Vielleicht auch nicht. Keiner war sich jemals ganz sicher, ob das nicht nur Selbstbetrug war, um sich selbst wenigstens ein bisschen Leben vorzugauckeln. Die Infrastruktur war relativ übersichtlich. Es gab eine Bank und eine Post. Alles aus ganz normalen Wohnhäusern betrieben. Dann gab es noch einen legendären Supermarkt. Ein "SPAR" Markt, der sich auch gleichzeitig "Angelcenter" nannte. Betrieben wurde dieser geniale Shop von Heidrun Krause. Ein Laden, der es schaffte, gleichzeitig überteuert und schlecht sortiert zu sein. Die Preise waren ambitioniert, die Haltbarkeitsdaten eher Auslegungssache. Keiner ging dort einkaufen, weil er es wollte, sondern wegen mangelnden Alternativen. Der örtliche Fußballverein war das sportliche Zentrum des Dorfes. Hier wurde gekämpft, gerannt und mit Leidenschaft verloren. Und vor allem: Es war etwas los. Das absolute gesellschaftliche Großereignis war jedoch das jährliche Schützenfest. Für jeden Dorftrottel das Highlight des Jahres. Endlich Bewegung, Musik, Bier, saufen, pöbeln und kotzen. Ein paar Tage lang fühlte sich Groß Gleidingen fast wie ein richtiger Ort an bevor danach wieder die gewohnte Ruhe einsetzte.

Bei abendlicher Aktivität ausserhalb der Dorfgemeinschaft wurde es logistisch spannend. Ein Bus fuhr aber nur theoretisch. Praktisch endete die Reise nachts in Timmerlah. Und von dort hieß es: viel Spaß beim Heimweg. Also entweder über die Straße laufen oder romantisch im Dunkeln über einen Feldweg stapfen. Mit etwas Glück nüchtern. Mit etwas Pech eher nicht. Apropos nicht nüchtern: Die vielen Kiesseen rund um das Dorf waren im Sommer der eigentliche Mittelpunkt des Lebens. Hier wurde gebadet, gechillt und vor allem getrunken. Das war dann auch einer der wenigen Orte, an denen so etwas wie Stimmung aufkam. Sonne, Wasser, Bier. Mehr brauchte es nicht, um Groß Gleidingen kurzzeitig in eine Art improvisiertes Urlaubsgebiet zu verwandeln. Die 80er waren ja eigentlich bunt, laut, voller Musik, Popkultur und Neonfarben. Groß Gleidingen hingegen entschied sich kollektiv für ein anderes Konzept: Stillstand. 

Fazit: Auch nach 30 Jahren Abstinenz von diesem Dorf sieht es in Groß Gleidingen immer noch so aus wie in den 1980er Jahren. Eigentlich hat sich optisch nichts geändert. Absoluter Stillstand. Positiv zu erwähnen ist der Ausbau der Neubausiedlung rund um den Wiedenkamp. Der Rest des Dorfes eignet sich weiterhin nur als preiswerte Kulisse für den nächsten Zombie Blockbuster.

 

Kommentar schreiben

Senden

Nichts gefunden?

Letzte Kommentare