Klipp-Abi - Hochschule - Jobcenter. Die normale Karriere bei "Fachkräftemangel"

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Von der Hochschule zum Soziafall

Ich bin auf LinkedIn auf den Beschwerdebeitrag einer jungen Absolventin gestoßen, die sich massiv darüber beklagte, dass sie nach inzwischen zehn Monaten nach ihrem Abschluss noch immer keinen Job gefunden hat. Trotz hunderter Bewerbungen erhält sie immer wieder Absagen, vom Jobcenter keine finanzielle Unterstützung und sie muss sich auf Stellen bewerben die ihr nicht zusagen. Natürlich ist diese Situation unbefriedigend. Gleichzeitig habe ich beim Lesen des Beitrags den Eindruck gewonnen, dass hier einige Erwartungen an Studium, Berufseinstieg und Arbeitsmarkt aufeinandertreffen, die etwas realistischer betrachtet werden sollten. Denn so schwierig die Situation auch sein mag, der mühsame Einstieg ins Berufsleben ist keineswegs ein neues Phänomen wie hier beklagt wurde. Auch vor 30 Jahren war ein Hochschulabschluss längst keine Eintrittskarte in den Wunschberuf oder überhaupt in den Arbeitsmark. Damals hieß es nicht ohne Grund überspitzt: „Vom Hörsaal zum Sozialamt.“

Berufserfahrung war schon immer ein entscheidender Faktor. Wer frisch von der Hochschule kommt, hat zunächst einen Nachteil gegenüber Bewerbern, die bereits mehrere Jahre praktische Erfahrung gesammelt haben. Verändert hat sich allerdings die Zahl der Hochschulabsolventen und damit auch die Konkurrenz. Heute machen deutlich mehr junge Menschen Abitur und studieren als früher. Gleichzeitig werden Anforderungen und Abschlussniveaus nicht unbedingt so wahrgenommen wie noch vor einigen Jahrzehnten. Wer deshalb mit einem Studium automatisch den direkten Weg in eine attraktive Karriere erwartet, kann auf dem Arbeitsmarkt eine ziemlich böse Überraschung erleben. Dazu kommt, dass jungen Menschen teilweise ein ziemlich unrealistisches Bild vom Arbeitsmarkt vermittelt wird. Von Medien, Schulen und der Regierung. Das zeigt sich nicht nur bei den Karriereerwartungen, sondern auch ganz konkret bei Gehaltsvorstellungen, Arbeitszeiten und der Bereitschaft, bei den Arbeitsmöglichkeiten flexibel zu sein. Teilweise liegen die Vorstellungen von Bewerbern erstaunlich weit von dem entfernt, was der jeweilige Arbeitsmarkt tatsächlich hergibt. Ein Studium allein ist kein Freifahrtschein für das Wunschgehalt, die Wunsch-Arbeitszeit, der Wunsch-Arbeitsort oder die Wunsch-Firma. Der vielbeschworene „Fachkräftemangel“ (den es eigentlich nie gab sondern immer nur ein Vorwand war, gewisse politische Entscheidungen zu rechtfertigen) bedeutet schließlich nicht, dass jeder Absolvent automatisch eine passende Stelle bekommt. In bestimmten Branchen und Regionen kann es Engpässe geben, während gleichzeitig für andere Qualifikationen ein Überangebot besteht. Die pauschale Aussage „Deutschland braucht Fachkräfte, also muss jeder Akademiker problemlos einen Job finden“ ist deshalb eine extrem unrealistische Aussage. Vor dem Studium sollten deshalb auch Überlegungen stattfinden, was passiert, wenn die große Karriere eben nicht unmittelbar nach dem Abschluss beginnt. Dazu gehört auch, sich mit dem deutschen Sozialsystem auseinanderzusetzen. Wann besteht Anspruch auf ALG I? Wann ist das Jobcenter oder das Arbeitsamt zuständig? Welche Voraussetzungen gelten für Leistungen und welche Rolle spielt vorhandenes Vermögen? Das sind keine völlig unbekannten Regeln, sondern Informationen, die seit Jahrzehnten öffentlich zugänglich sind. Es gibt durchaus Möglichkeiten sich vor dem Zugriff des Staates auf das Vermögen zu schützen wenn im Vorfeld rechtzeitig Vorkehrungen getroffen werden. Ganz legal. Wer das nicht tut hat eben nun mal das Nachsehen.

Ich kenne die Situation aus eigener Erfahrung. Bei mir war es damals noch das Sozialamt zuständig. Auch ich musste mich "offiziell" auch auf Stellen bewerben, die mit meiner eigentlichen Qualifikation bzw. Beruf wenig bis gar nichts zu tun hatten. Mit abgeschlossener Berufsausbildung, mehreren Gesellenjahren und abgeschlossenem Hochschulstudium war allerdings schnell klar, dass mich niemand als Würstchenverkäufer einstellen würde, weil Arbeitgeber davon ausgehen mussten, dass ich bei einer passenden Gelegenheit sofort das Weite suche. Einige Arbeitgeber empfanden es auch als unverschämt das ich mich beworben habe nicht wegen meiner Person, aber das mich der Staat zu so einer völlig sinnlosen Aktion gezwungen hat. Letztendlich musste ich nie eine Arbeit unter meiner Qualifikation annehmen (nicht weil ich das nicht wollte), es ergab sich einfach nie. Auch das Sozialamt war mit meinen Bewerbungsaufzeichnungen völlig überfordert und hat sich nie (trotz Drohung: "wir sehen gar nicht ein das sie nicht arbeiten") gemeldet. Ich habe die damalige Arbeitslosigkeit deshalb pragmatisch betrachtet. Ich habe Bewerbungen geschrieben, mich bei Unternehmen vorgestellt und irgendwann scherzhaft nur noch von „Bewerbungstourismus“ gesprochen. Ich bin durch ganz Deutschland gereist wohlwissend, dass viele dieser Bewerbungen kaum Aussicht auf Erfolg hatten. Immerhin konnte ich dadurch Vorstellungsgespräche trainieren und Deutschland kennenlernen, während die Kosten für die Reisen über die Bewerbungstermine von den Unternehmen übernommen wurden. Die zwölf Monate Arbeitslosigkeit waren, abgesehen von der Rentenkasse, deshalb rückblickend keineswegs zwölf verlorene Monate. Bei meinen Bewerbungsgesprächen gab es übrigens auch einige wirklich schräge Erlebnisse. Das skurrilste Bewerbungsgespräch hatte ich in Traunstein bei einer Maschinenbaufirma. Kaum angekommen, bekam ich erst einmal mehrere hundert Euro in bar für Reise- und Spesenkosten in die Hand gedrückt. Danach saßen mir drei ältere, grauhaarige Herren gegenüber, die offensichtlich bereits einen kompletten Gesprächsmarathon hinter sich hatten. Vor ihnen auf dem Tisch stapelten sich Bewerbungsmappen, bei denen wohl längst der Überblick verloren gegangen war. Entsprechend wurde ich mehrfach mit dem falschen Namen angesprochen. Der Höhepunkt kam allerdings noch. Einer der drei Herren schlief während meines Bewerbungsgesprächs einfach ein. Und zwar nicht still und diskret, sondern schnarchend. In Gütersloh wurde das Bewerbungsgespräch dagegen eher zu einem politischen Gesinnungstest. In Kempen wurde ich gleich zweimal eingeladen, danach hörte ich monatelang überhaupt nichts mehr. Irgendwann kam tatsächlich die Einladung zu einem dritten Gespräch. Als wäre zwischenzeitlich nichts gewesen. Und dann gab es noch das Gespräch in Stendal. Dort saß mir ein ziemlich beleibter Herr gegenüber, der genüsslich seine Zigarre rauchte und mir den Rauch direkt ins Gesicht blies. Irgendwann fragte er mich nach meinen Gehaltsvorstellungen. Nachdem ich meine Vorstellung genannt hatte, kam trocken die Antwort: „Ich biete die Hälfte.“ Auch das war eine Form von Verhandlungskultur. Interessant waren außerdem immer wieder Unternehmen, die offenbar nicht wussten, dass es eine gesetzliche Regelung zu den Bewerbungskosten gibt. Wer einen Bewerber zu einem Vorstellungsgespräch einlädt, muss grundsätzlich dessen notwendige Reisekosten übernehmen, sofern die Übernahme nicht ausdrücklich in der Einladung zuvor ausgeschlossen wurde. Da sind einige Unternehmen durchaus auf die Nase gefallen und es war mir ein Vergnügen zu belehren.

Absagen nach einem Studium/Ausbildung und generell können frustrierend sein. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass das System heute grundsätzlich versagt oder dass ein Studium einen Anspruch auf einen bestimmten Beruf, ein bestimmtes Gehalt oder eine bestimmte Karriere begründet. Berufsanfänger hatten es schon immer schwerer. Entscheidend sind letztlich realistische Erwartungen, Flexibilität und die Bereitschaft, zunächst auch Umwege in Kauf zu nehmen um einen Einstieg in die Berufswelt zu finden.

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